Wir brauchen Helden…

…Wofür sind wir bereit zu sterben? Die zeitgenössische Philosophie meidet diese Frage. Dabei führt sie ins Herz unserer Gesellschaft und unserer Freiheit.

Hier ein lesenswerter Text von Susan Neiman. Schon vor einigen Jahren geschrieben, aber immer noch weist er uns auf die Grundlagen kluger Entscheidungen hin. Viele Entscheider müssen, getrieben vom alles durchdringenden Prinzip der Gewinnmaximierung,  alle drei Monate kurzfristige Ergebnisse dokumentieren. Führungskräfte stehen unter dem Druck aller Share- und Stakeholder, der mächtig auf das Rückgrat drückt und zu „Verkrümmungen“ und „weichen Knien“ führen kann. Woher nehmen wir die (Führungs-) Kraft, um aufrecht durchs (Wirtschafts-) Leben zu gehen und Wege zu ebnen, auf denen andere folgen können und wollen? Sitzen in unseren Führungs-Etagen „Helden“ oder lenken wir uns mit dem operativen Tagesgeschäft von grundsätzlichen Themen ab? Unternehmerisches Handeln im globalisierten Wettbewerb steht vor einer existentiellen Frage:

Gibt es für jedermann verbindliche Moralgesetze – gleichgültig aus welcher Quelle sie stammen, und was immer sie besagen? Der größte Philosoph der Neuzeit hat sich dieser Frage zugewendet, es dann aber vorgezogen, keine direkte Antwort darauf zu geben. Stattdessen wartet Immanuel Kant mit einer Parabel auf. Stellen wir uns vor, ein Mann würde vor einen Despoten geführt und vor eine Wahl gestellt. Der Herrscher will einen unschuldigen, dem Regime missliebigen Untertanen hinrichten lassen, aber dabei den Schein der Rechtsförmigkeit wahren. Jemand soll einen Brief schreiben, in dem der Unschuldige eines Kapitalverbrechens beschuldigt wird. Sollte der vorgeladene Mann sich weigern, wird der Herrscher dafür sorgen, dass er dann seinerseits hingerichtet wird. Kant meint, wir könnten uns leicht in die Lage dieses Herrn versetzen. Doch wissen wir nicht, was wir tun würden. Keiner von uns ist so gerecht, dass er sich sicher sein könnte, angesichts von Tod oder Folter nicht einzuknicken. Die meisten von uns würden vermutlich schwach werden. Dennoch wissen wir alle, was wir tun sollten: den Brief nicht schreiben, und koste es unser Leben. Und wir alle wissen, dass wir genau das tun können – ganz egal, ob wir am Ende wankend werden oder nicht. In diesem Moment, so Kant, werden wir uns mit Furcht und Staunen unserer Freiheit bewusst.

Zum Weiterlesen:

Cicero, Magazin für politische Kultur: Wir brauchen Helden
VON SUSAN NEIMAN 
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