Reframing ganz einfach und praktisch

Wir alle deuten unser Leben auf dem Hintergrund unserer Erfahrungen und Prägungen. Wir übernehmen diese aus unserer Herkunftsfamilie und aus unserer angestammten Kultur. Insbesondere in den Übergängen, Zeiten erhöhter Vulnerabilität, z.B. vom Kleinkind zum Kind, vom Kind zum Jugendlichen und schliesslich zum Erwachsenen, spielt die Weitergabe bestimmter Deutungen eine grosse Rolle. Gelegentlich spricht man hier auch von Initiation. Aber gerade auch in den mittleren Jahren , der sogenannten „Midlife-Crisis“, kommen Fragen auf, die wir für uns beantworten müssen. Deshalb werden diese Übergänge meist entsprechend im Kreise der Familie in kulturelle Formen gefasst, markiert und gefeiert. Wir wollen verstehen wie die Welt (für uns) funktioniert. Dies geht aber auch bis hin zu traumatischen Erlebnissen, die in unseren Geschichten unbewusst neuronal verankert werden. Wir erfahren dadurch auch wie das Leben nicht funktioniert. Durch diese Prozesse wird unser Selbstbild entscheidend geprägt. In Europa spielen dabei die grossen Kriegs- und Vertreibungserfahrungen eine nicht zu unterschätzende Rolle. In der Bewältigung dieser dramatischen Erfahrungen waren die Väter in der Nachkriegszeit meist „abwesend“. Die Frage nach den Übergängen, der Initiation, musste aber trotzdem beantwortet werden. Dies gelang manchmal eben nur sehr rudimentär, da viele (traumatischen) Themen weggedrückt, verschwiegen wurden und werden.

Jeder hat schon einmal einen Ball im Schwimmbad unter Wasser gedrückt. Was passiert? Wir müssen Kraft aufwenden, um den Ball unter Wasser zu halten. Wir haben nicht mehr beide Hände frei, um anzupacken. Wir haben keine „Handlungsfreiheit“ mehr und wundern uns, dass wir keine Energie haben. Man müsste einfach den Ball „hochploppen“ lassen. C.G. Jung sagte dazu, dass alles, was wir unterdrücken, unser Schatten, Macht über uns bekommt.

Die „Crux“ dabei ist, dass in manchen Biografien buchstäblich und sehr deutlich das Wirken der „Selffullfilling Prophecy“ zu sehen ist. Wir glauben bestimmte Deutungen und willigen (unbewusst) ein. Es kommt zu Festlegungen.

In einer kleinen Szene auf dem Flohmarkt wurde mir das sehr deutlich: Ein kleines Mädchen, an der Hand ihrer Mutter, weint und schreit lauthals, sodass sich die Menschen schon alle nach ihr umdrehen. Der Mutter wurde es immer peinlicher. Plötzlich zischt sie das kleine Mädchen an: „schau mal wie hässlich du bist, die Leute schauen schon alle her!“ Schlagartig war das Mädchen still und lief wie abgelöscht neben der Mutter her. Sie verzog keine Miene mehr.  In Wahrheit war es ein ganz niedliches, hübsches Kind. Aber was ging nun in ihrem Kopf vor? Durch welche „Deutungs-Brille“ sieht sie sich ab jetzt im Spiegel?

„Sähe einen Gedanken und die erntest eine Tat, sähe eine Tat und du erntest  eine Gewohnheit, sähe eine Gewohnheit und du erntest ein Lebensschicksal.“

Veränderung beginnt deshalb immer mit „Umdeutung“ – Reframing! Manchmal lösen die einfachsten Impulse solche Umdeutungsprozesse aus: –  jemand sagt etwas (Feedback) zu mir – ich bekomme einen neuen Impuls durch ein Buch, ein Bild oder ein Theaterstück. Manchmal stossen uns aber auch existenzielle Erlebnisse (Krankheit,…) auf die brennenden Fragen, die sich in unser Leben drängen.

Die Umdeutung unserer Erfahrungen führt zu einer Öffnung für neue Handlungsoptionen: Genauer gesagt: zu neuen Reiz Reaktion Schemata. Es kommt eben nicht darauf an woher der Wind weht, sondern darauf, wie wir die Segel setzen! Wir haben es in der Hand, unserem Leben Bedeutung zu geben. Wir haben eben nur dieses eine Leben, diesen Tag, diese Stunde,… . Ich übernehme die Verantwortung für das, was war, was ist und was kommt. Ich stelle mich meiner Lebensrealität. Ich deute und denke um. Ich handle.

Wie tue ich nun den ersten Schritt zum Reframing? Wie komme ich nun in diesen Raum der freien Entscheidung? Ich stelle Fragen:

  • Inwiefern könnte das, was gerade passiert, genau richtig sein für mich?
  • Was könnte hier die Chance sein?
  • Was könnte ich lernen?
  • Was macht hier gerade Sinn?
  • Wie könnte ich das noch sehen?

Die Grosseltern sagten manchmal: „Wer weiß, wozu es gut ist!” In vielen Fällen kann das unscheinbare Wörtchen “noch” eine sehr wirkungsvolle Bedeutungsveränderung bewirken. Sich und anderen eine Chance geben – eine Chance zur Veränderung – darum geht es!

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